Diplomarbeit, Technische Universität Wien, Nathalie Waldau, Wien Jänner 2002

Massenpanik in Gebäuden. Grundlagen und Simulationsmodelle. Planungskriterien zur Orientierung in Gebäuden bei steigender Stressbelastung

- Auszug aus Diplomarbeit -

"Im Jahre 1849 war in Glasgow während einer Theatervorstellung nach dem Anzünden einer Zigarre ein Stück brennendes Papier auf den Fußboden geworfen worden. Das Aufleuchten der Flamme löste im Publikum Unruhe aus; irgendjemand schrie: 'Feuer!'. In der entstehenden Panik wurden 65 Menschen erdrückt."

"Im Jahre 1878 eilte im Theater Kolosseum in Liverpool während der Vorstellung einer der Zuschauer durch den Saal zum Ausgang. Schnell richteten alle übrigen ihre Aufmerksamkeit auf ihn und vermuteten irgendeine Gefahr. Es wurden 37 Menschen getötet und viele verletzt."1

Dies sind nur zwei Beispiele von vielen, die deutlich machen, dass Panikausbrüche meist ohne unmittelbare Gefahr entstehen und in weiterer Folge Personenleben fordern können. 

Dem Verhalten von Menschenmassen bei Panikereignissen wurde viele Jahre zu wenig Beachtung geschenkt. In Großbritannien, in den USA und in der ehemaligen Sowjetunion wurden erst Anfang der siebziger Jahre systematische Untersuchungen durchgeführt, später gefolgt von japanischen und kanadischen.  In Österreich und Deutschland gab es in den folgenden zehn Jahren erste Ansätze zur Erforschung dieses komplexen Fachgebietes, wobei aber immer wieder das individuelle Verhalten und die Interaktionen zwischen den Menschen unberücksichtigt blieben. Erst in den letzten Jahren gibt es durch die stark ansteigende Rechnerkapazität Möglichkeiten, Paniksituationen mit einer großen Anzahl an Menschen annähernd zu simulieren, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.2 

Die Möglichkeit einer Massenpanik entsteht vor allem bei großen Menschenansammlungen, vorwiegend in öffentlichen Gebäuden, wie Büro- und Verwaltungsbauten, in Veranstaltungsstätten wie Stadien, Theater oder Multifunktionshallen und in Schulbauten und Krankenanstalten. 

Gesetze Richtlinien und Verordnungen legen zwar bauliche Maßnahmen zur sicheren Bewegung von Personenströmen in und aus Gebäuden fest, stellen jedoch nur Parameter des "Sicher-Seins" (Quantität) dar und sollen in dieser Arbeit auch nicht weiter behandelt werden. Architektonische Gestaltungselemente, welche dem "Sicher-Fühlen" (Qualität) zugeordnet sind, werden jedoch bei der Erstellung von Vorschriften nicht berücksichtigt. Die Qualität der architektonischen Gestaltung kann eine klare Orientierung in Gebäuden maßstäblich mitbestimmen und dadurch das Wohlbefinden in Räumen fördern sowie zur Reduzierung von Stressfaktoren beitragen.

Zur Erfassung des Orientierungsverhaltens bei steigender Stressbelastung (unbelastet - Stress - Panik) werden in meiner Arbeit sowohl das Wesen einer Panik und die Voraussetzung ihrer Entstehung als auch das Fluchtverhalten von Personen in Extremsituationen untersucht. Weiters werden unterschiedliche Berechnungs- und Simulationsmodelle zur Erforschung einer Massenpanik erläutert. Aus diesen Erkenntnissen heraus versuche ich, unterschiedliche Lösungsansätze für bauliche und architektonische Gestaltungsmaßnahmen aufzuzeigen, welche die Orientierung im Raum bei erhöhtem Stresszustand erleichtern bzw. unterstützen und die Möglichkeit einer Paniksituation verringern kann. 

Meine Arbeit stützt sich auf literarische Quellen aus den Bereichen Architektur, Soziologie, Philosophie und Medizin, auf tagesaktuelle Medien, Informationen aus dem Internet und eigens geführte Interviews. 


1 Predtetschenski u. Milinkski, 1971, S. 22. 

2 Bodamer, in: vfdb 2/1989, S.47.

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